Äthiopiens Frauen fassen Mut

Äthiopiens Frauen fassen Mut

Unwissen und überkommende Moralvorstellungen schränken das Leben der äthiopischen Frauen ein und hemmen damit die Entwicklung des ganzen Landes. Menschen für Menschen setzt sich in den Dörfern für die Frauen ein – und ebnet Wege in eine bessere Zukunft.

Der Tag, an dem Ababayes Jugend zerstört wurde, begann wie jeder andere. Die 16-Jährige stand auf, kochte auf offenem Feuer Kaffee für die Eltern und Geschwister, ging zur Schule. Ärztin wollte sie werden; Menschen helfen, respektiert und bewundert sein: Manchmal schlug ihr Herz schneller vor Aufregung, wenn sie von dieser Zukunft träumte. „Komm mit, ich möchte dir etwas zeigen!“, sagte eine junge Frau aus der Nachbarschaft, als Ababaye aus der Schule zurückgekommen war. Arglos folgte Ababaye ihr in eine abseits liegende Hütte. Als sich ihre Augen an das Dunkel in der Hütte gewöhnt hatten, erkannte sie darin Deregi, einen jungen Mann aus dem Dorf. Aber die junge Frau, die sie hergebracht hatte, war plötzlich verschwunden.

EIN ZERSTÖRTER TRAUM

Statt der Lust auf die Zukunft bestimmte künftig Scham ihre jungen Jahre. Nach dem Verbrechen ging Ababaye nach Hause – und schwieg. Denn eine Vergewaltigung entehrte nach damaliger Moralvorstellung auch das Opfer und seine gesamte Familie. Doch die traumatische Erfahrung ließ sich nicht verdrängen und schließlich auch nicht mehr verstecken: Ababaye war schwanger. „Meine Eltern schrien, sie sprachen davon, mich aus dem Haus zu jagen“, berichtet Ababaye, so nüchtern, als erzählte sie eine Geschichte, die nichts mit ihr zu tun hat. Den Vergewaltiger klagte sie nie an. Die Scham war zu groß. Und wie sollte sie beweisen, dass er ihr Gewalt angetan hatte? Jetzt ist es für eine Anklage zu spät. Der Täter verließ das Dorf kurz nach der Tat und kam nie wieder.

Ababayes

„Wie ich sie hasste!“, sagt Ababaye: Sie meint die junge Frau, die sie in die Hütte des Vergewaltigers lockte. Was diese zu der bösen Tat veranlasste? Ababaye kann den Grund nur vermuten: „Sie hatte selbst ein uneheliches Kind. Vielleicht war das ihre Art von Rache.“ Offenbar kann Ohnmacht zu Niedertracht führen: „Andere junge Frauen sollten wohl nicht besser dran sein als sie selbst.“

Als der Bauch immer größer wurde, traute sich Ababaye nicht mehr zur Schule. Zu Hause brachte sie das Mädchen Sisay zur Welt und versteckte sich fortan. Als Takele, ein junger Mann aus dem Dorf, sie trotz ihrer unehelichen Tochter heiraten wollte, sagten ihre Eltern: „Das ist deine einzige Chance.“ Ababaye willigte ein. Jetzt war sie eine 16-jährige Ehefrau. Sie bekam in den folgenden Jahren drei Söhne, der jüngste ist zwei Jahre alt.

Vergewaltigungen junger Mädchen auf dem Lande waren lange alles andere als Einzelfälle. In manchen abgelegenen Gebieten gibt es sogar die Tradition von Mädchen-Entführungen. Indem die Entführer ihnen Gewalt antun, zwingen sie die Entführten zur Ehe – der einzige Weg für die jungen Frauen, ihr Ansehen in den dörflichen Gesellschaften wieder herzustellen, ist die Heirat mit dem Täter. Eine Thematik, die der neue Film „Das Mädchen Hirut“ kürzlich auf berührende Weise auf die Kinoleinwände in Europa brachte.

WEGBEREITER KARLHEINZ BÖHM

Seit einigen Jahren wenden sich die äthiopischen Behörden massiv gegen schädliche Traditionen und drängen sie erfolgreich zurück. Ein Vorkämpfer auf diesem Weg war bereits seit den Neunziger Jahren Karlheinz Böhm. Nachdem er miterlebt hatte, wie ein Mädchen an den Folgen einer Beschneidung gestorben war, setzte er sich vehement gegen die noch weit verbreitete Genitalverstümmelung und andere schädlichen Traditionen ein. Vor allem dank des Engagements der Äthiopienhilfe gelang es vielerorts, die brutale Sitte abzuschaffen.

Zum Kampf für die Rechte von Frauen gehörte für Karlheinz Böhm der Einsatz gegen Frühverheiratung und für den Schulbesuch von Mädchen. Viele weitere Angebote von Menschen für Menschen tragen entscheidend dazu bei, die

Selbstbestimmung und Lebensbedingungen der Äthiopierinnen zu verbessern: Familienplanung, Lese- und Schreibkurse, berufliche Trainingsprogramme und die Vergabe von Kleinkrediten an Frauen beispielsweise.

Matschebu Muhamed in ihrem Laden

Mit dem Kleinkredit von Menschen für Menschen eröffnete Matschebu Muhamed, 32, einen Kiosk für Waren des täglichen Gebrauchs.

Doch zu helfen ist gar nicht so einfach: Die Menschen sind skeptisch. Auch Tashome hatte schon vor knapp zwei Jahren die Chance erhalten, an landwirtschaftlichen Trainings teilzunehmen und verbessertes Saatgut zu erhalten. „Doch wie viele andere Bauern war ich misstrauisch“, gibt Tashome zu. „Wir fragten uns: Warum wollen uns die Fremden helfen? Haben sie eine geheime Absicht?

Bei den Zusammenkünften mit den Frauen aus dem Dorf war Ababaye immer eine der stillsten: Der angenommene Makel, eine uneheliche Tochter geboren zu haben, saß tief. Dass sie jetzt zum ersten Mal offen von dem Verbrechen erzählt, das ihr angetan wurde, hat mit Kassech Zewde zu tun.

Die 38-Jährige ist in Rogie der Fortschritt in Person. Vor einem Jahr kam die Sozialarbeiterin von Menschen für Menschen in das entlegene Dorf im neuen Projektgebiet Dano. Bis in die entlegensten Weiler schickt die Äthiopienhilfe ihre einheimischen Fachleute. Sie leben monate- und jahrelang mitten unter den einfachen Bauern, arbeiten Tag für Tag für die Entwicklung der Menschen.

Alphabetisierungskurs

In Alphabetisierungskursen für Erwachsene lernt die 28-jährige Tiringo Maschaw lesen und schreiben.

Schulung in Existenzgründung

Schulungen in Existenzgründung ermöglichen Frauen ein eigenes Einkommen zu erwirtschaften.

KIND AUF KIND

„Die Gemeinde war sehr rückständig, als ich kam“, erzählt die Sozialarbeiterin, „vor allem die sanitäre Situation war unhaltbar.“ Es gab kaum Latrinen. Viele Kinder waren sehr schmutzig. Um ihr Vieh vor Raubtieren zu schützen, holten die Menschen es in die Häuser, schliefen mit den Tieren im gleichen Raum. „Und die Frauen bekamen Kind auf Kind.“ Statt sie in die Schule zu schicken, arbeiteten die Mädchen im Haushalt und die Jungen als Hirten.

„Wenn Familien zu viele Kinder bekommen, reichen die Ressourcen nicht für alle – so wird Armut weitergetragen in die nächste Generation“, sagt Kassech Zewde.

Immer wieder gehe sie von Haus zu Haus, kläre auf, informiere die Menschen über die Vorteile von Schulbesuch und Familienplanung. Nicht jeder hört gerne, dass die Veränderung alter Gewohnheiten gut sein soll: „Manche Familien sind bei meinen ersten Besuchen zurückhaltend und widerstrebend – aber ich bleibe dran, komme wieder, und die Menschen verstehen, dass ich ihnen Gutes will.“ Offenbar mit Erfolg: Mittlerweile würden bereits 552 Frauen in der 2.000-Seelen-Gemeinde die Angebote zur Familienplanung wahrnehmen, erzählt Kassech Zewde. Etwa die Hälfte benutzt Langzeit-Verhütungsstäbchen, die mit einem kleinen Eingriff unter die Haut des Oberarms implantiert werden und drei Jahre vor Schwangerschaft schützen. Andere Frauen entscheiden sich für eine Spirale.

Injektion des Implanon-Präparats während der Familienplanungs-Kampagne

Injektion des Implanon-Präparats während der Familienplanungs-Kampagne im Dorf Togo Getama.

OFFENER AUSTAUSCH

Zwar biete auch der staatliche Gesundheitsdienst Familienplanung an. „Aber früher gab es Schwierigkeiten mit der Versorgung“, sagt eine der Frauen, die sich mit Ababaye und Kassech unter einem Baum zu einem Gesundheits-Unterricht versammelt haben. Bevor die Sozialarbeiterin ins Dorf kam, seien sexuelle Themen ein Tabu gewesen, erinnert sich Kumale Gutene, 20, Mutter eines Jungen und einer Tochter: „Ich redete mit meinem Ehemann nie darüber.

Familienplanung

Die Sozialarbeiterin Kassech Zewde von Menschen für Menschen unterrichtet die Frauen im Dorf Rogie. Ein wichtiges Thema ist Familienplanung.

Und unter uns Frauen war es ein Geheimnis, wer Familienplanung macht.“ Erst mit Menschen für Menschen kam der Wandel: „Wir sind so froh, dass wir gelernt haben, uns auszutauschen“, sagt Kumale, und die anderen Frauen nicken zustimmend. „Meine Eltern gaben mich mit 15 Jahren einfach weg in die Ehe – aber jetzt kann ich wenigstens selbstbestimmt entscheiden, wie viel Kinder ich bekomme.“

Auch das alltägliche Leben sei durch die Intervention der Äthiopienhilfe leichter geworden, sagt Ababaye. Der neue subventionierte Zement-Herd in ihrer Küche sorgt dafür, dass sie Brennholz spart und es nur noch halb so oft sammeln und nach Hause schleppen muss. Auch konnte sie mit dem Saatgut der Äthiopienhilfe einen Gemüsegarten anlegen: „Jetzt kann ich meine Kinder richtig ernähren.“ Doch das allerwichtigste für Ababaye ist nicht die materielle Hilfe: Endlich hat sie ihr Selbstwertgefühl entdeckt. „Ich brauche mich nicht zu schämen“, sagt sie. „Immer habe ich geschwiegen. Aber Kassech hat mir Mut gemacht. Jetzt spreche ich!“

Mardia und ihr glückliches Leben

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